Es gibt einen Unterschied zwischen einem Volk, das plötzlich zum Stecher wird, obwohl es vorher brav war und einem Volk das immer schon ein Stecher war. Das eine ist die Genetik, die sehr wohl wichtig in der Imkerei ist. Denn wenn das Volk genetisch dazu veranlagt ist, sich stark zu verteidigen, dann kann man das nicht einfach so ändern. Das andere ist möglicherweise ein schlechter Gesundheitszustand, der sich in der erhöhten Verteidigungsbereitschaft zeigt. Und falls ich ein Volk auf einen neuen Platz stelle und es wird dann stechlustig, kann es auch am „schlechten“ Bienenstandort liegen. Das plötzlich zum Stecher werden ist also kein Phänomen, von dem man die Ursache finden sollte.
Mein Gemütszustand als Imkerin/Imker hat Einfluss
Am Anfang der eigenen Imkerei musste ich erst mal lernen, dass mein „Sein“ – also so wie ich bin – einen Unterschied macht für die Bienen. Wenn ich gestresst an die Bienen herangehe, werden sie auch „gestresst“ und betrachten mich vielleicht als ihren Feind. Denn wenn ein Räuber kommt, ist der normalerweise nicht so drauf, wie einer der es gut mit einem meint.
Ein konkretes Beispiel hat es uns zu Beginn unserer Imkerei sehr deutlich gezeigt: wir sind zu zweit in der Mittagspause geschwind zum Bienenstand gefahren, weil wir irgendetwas ganz dringendes erledigen wollten. Wir kamen und dachten: „es muss ganz schnell gehen“, weil ja unsere Pause nur eine Stunde beträgt und wir auch noch was essen müssen und auch wieder zurück fahren.
Wir machen den Bienenkasten auf und die Bienen fallen sofort über uns her… Aber die Bienen von diesem Volk sind normalerweise nie so! Schnell den Deckel wieder zu gemacht und ein paar Schritte zurück an den Waldrand. Okay, jetzt tief durchatmen und runter kommen, kein Streß und keine Hektik mehr. Nach 10 Minuten haben wir dasselbe Volk noch einmal geöffnet und nun war alles friedlich. So wie es sonst am Wochenende oder nach Feierabend auch immer war.

Das bedeutet, wenn ich zum Bienenstand gehe / fahre: ich werde erst mal ruhig, fahre mein Stresslevel herunter, bevor ich die Beute öffne. Um ins Hier und Jetzt zu kommen, hilft es unwahrscheinlich, mich einfach nur ein paar Minuten auf meinen eigenen Atem zu konzentrieren und zu beobachten, wie mein Körper atmet. Denn Atmen ist immer im Jetzt. Einfach nur beobachten, wie der Körper ein- und ausatmet.
Inzwischen passiert das automatisch, wenn ich zu meinen Bienen an den Stand komme: ich „fahre runter“ und bin viel entspannter, als vielleicht noch zuvor im Büro oder bei einer anderen Arbeit. Das schöne dabei ist, diese „Entspanntheit“, die die Bienen mit mir „machen“, nehme ich mit zurück in meinen täglichen Alltag.
Plötzlich zum Stecher werden
Bei plötzlich auftretender Stechlust hat das Bienenvolk möglicherweise ein Problem. Eine hohe Krankheitsdichte oder eine hohe Varroalast kann dazu führen, dass die Bienen stechlustig werden und sich gegen alle Formen des Eingriffst durch die Imkerin / den Imker wehrt. Das heißt, immer wenn ich den Kasten aufmache – und sei es nur ganz oben im Honigraum – dann greifen die Bienen an.
Hier entnehme ich alle Brut und friere sie ein. Dem Volk gebe ich zur bestehenden Königin drei Mittelwände, sofern Honigräume aufgesetzt sind. Falls ich eine schöne ausgebaute Wabe habe, kann ich auch diese zusammen mit 2 Mittelwänden geben. Die Brut wird neu aufgebaut und es kann sein, dass die Stechlust nachlässt. Um das komplette Brutnest wieder herzustellen, werden nach und nach weitere Mittelwände gegeben sobald die zuvor gegebenen Mittelwände ausgebaut und bestiftet sind. Wenn die Königin in guter Legeleistung ist (2000 Eier am Tag), dauert es nur wenige Tage, bis eine Wabe vollständig bestiftet ist. Bei einer Wabe und zwei Mittelwänden würde ich nach 10 Tagen kontrollieren und eine Mittelwand außen dazu hängen. Eine weitere Mittelwand kann zwischen 2. Schied und Außenwand platziert werden. Diese rücke ich nach einer Woche ans Brutnest. Mehr als 5 Waben braucht es oft nicht. Man kann einfach eine oder zwei Mittelwände hinter dem Schied platzieren. Sollten die Bienen darauf brüten, wird die Wabe ans Nest gerückt, ansonsten verbleibt sie hinter dem Schied.
Falls das alles nicht hilft und die Königin weiter stechlustige Bienen produziert, dann hilft nur umweiseln.
Ein Stechervolk umweiseln – aber wie?
In unserer Imkerei legen wir sehr viel wert auf sanftmütige Bienenvölker. Schon allein weil wir jedes Jahr einige Veranstaltungen mit Kindergarten- oder Schulkindern durchführen.
Deshalb werden stechfreudige Bienenvölker umgeweiselt, wenn die oben genannte Methode nicht zu unserem Ziel führt. Das heißt wir sorgen dafür, dass mit einer Totalen Brutentnahme und neuem genetischen Material das Volk seine Stechlust verliert.
Umweiseln ohne die Königin zu finden
Doch wie weisle ich um, wenn ich die Königin nicht finde, oder sehr viele Bienen und Drohnen im Sommervolk zu finden sind?
Als erstes wird die Brutzarge mit den Brutwaben, Bienen und der Königin zur Seite gestellt. An den Platz kommt eine frische, gereinigte Brutzarge mit der Brutwabe einer sanftmütigen Königin (zum Beispiel vom Nachbarvolk) und rechts und links davon je ein Rähmchen mit Mittelwand. Falls vorhanden kann ich auch eine schlupfreife Zelle auf der Brutwabe platzieren. Finde ich im jetzt daneben stehenden Muttervolk die Königin, weil weniger Bienen im Volk sind, sichere ich sie mit einem Käfig und steck sie in meine Tasche. Dann schüttle ich die Brutbienen direkt in die neue Brutzarge zurück. Anschließend kommt das Absperrgitter darauf und die Honigräume wieder darüber.
Finde ich die Königin nicht, schließe ich den neuen Brutableger, in dem ich das Absperrgitter auflege und die Hönigräume aufsetze. Dann nehme ich die Brutzarge mit den Stecherbrutwaben ein Stück weg vom Bienenstand an einen Sonnenplatz.
Abkehren, wenn man die Königin nicht findet
Am Sonnenplatz ziehe ich die Brutwaben des Stechervolkes auseinander und gebe mit dem Smoker einige Rauchstöße zwischen die Waben. Nach fünf Minuten kehre ich die Bienen alle von den Brutwaben runter ins Gras. Die abgekehrten Brutwaben sicherer ich in einer Box. Da die legende Königin nicht fliegen kann, wird sie im Gras bleiben. Die Bienen fliegen in der Regel zurück an ihr ursprüngliches Flugloch oder betteln sich am Stand bei den Nachbarvölkern ein. Durch das Smokern nehmen sie Futter auf und sind deshalb überall willkommen. Die Box mit den abgekehrten Waben (und die Königin aus meiner Tasche) lege ich zu Hause sofort in die Gefriertruhe.
Die Brut wird eingefroren, da ich damit alle restlichen Nachkommen und auch die Waben aus dem „Verkehr ziehen“ kann. Wenn Bienen sehr stechlustig sind, dann kann es sein, dass der Ableger noch eine Weile grantig ist. Wenn ich die Brut auch noch schlüpfen lasse, dauert es sehr viel länger, bis die Stechlust endet. Sobald die Brut gefroren ist, kann ich die Waben einschmelzen und das Wachs später mitthilfe von Hitze entseuchen.
Normalerweise sind die Bienen, falls es sich nicht um eine genetische Stechlust gehandelt hat, sofort nach der Brutentnahme friedlich.

Kontrolle, ob Königin legt
Das Ersatz-Volk mit der Brutwabe vom Nachbarn kontrolliere ich 4 Wochen später, ob eine neue Königin legt. Falls sie das tut, kommt eine weitere Mittelwand ins Nest und noch eine hinter das 2. Schied, zwischen Außenwand und Schied. Das plötzlich zum Stecher werden sollte damit der Vergangenheit angehören. Durch die Brutentnahme sollte der Honigertrag in diesem Volk größer geworden sein, da keine Brut mehr versorgt werden muss.
Wenn der Brutableger keine Königin hat
Sollte nach 4 Wochen keine Königin vorhanden sein, mache ich eine Weiselprobe. Ist die Probe positiv wird das Volk aufgelöst. „Positiv“ heißt, wenn noch mal eine Weiselzelle angezogen wird, ist keine Königin vorhanden. Die Honigräume kann ich dabei auf mehrere Völker verteilen, die Brutraumbienen kann ich dem Nachbarn zuführen, in dem ich die Bienen vor seinem Flugloch abschüttle. Oder ich setze die Brutwaben über einem Adamfütterer mit etwas Honigwasser auf einen zu verstärkenden Ableger.
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